Was ich als Tischtennis-Profi über die mentale Seite des Reitsports gelernt habe – und wie du vier der größten mentalen Hürden im Sattel überwindest
Von Dirk Lion
Wer durch den modernen Reitsport blickt, sieht vor allem eines: Analysen. Trainings-App-Daten, Laktatwerte, automatisierte Videoanalysen von Bewegungsabläufen und Lektionen, Futterpläne auf das Gramm genau und hochmoderne Sensoren am Sattel. Wir investieren Tausende Euro in angepasstes Equipment, Top-Trainer und die beste Pflege für unsere Pferde, um auch noch das letzte Prozent Harmonie und Leistung herauszukitzeln. Doch während wir jede Bewegung des Pferdes akribisch analysieren, vergessen wir oft die entscheidende Schaltzentrale, die über eine fehlerfreie Runde, eine harmonische Dressuraufgabe oder das Überwinden eines Hindernisses entscheidet: unseren eigenen Kopf.
Seit über zehn Jahren arbeite ich u. a. als Mentalcoach und Trainer im Profisport; vornehmlich im Tischtennis. Umso spannender war für mich der Schritt, meine Methoden im Reitsport einzusetzen und mit Profis aus diesem Sport zu arbeiten. Ich habe Europameister wie Dang Qiu im Tischtennis begleitet und betreue aktuell u. a. deutsche Nationalspieler wie Benedikt Duda. Tischtennis ist eine Sportart der extremen Beschleunigung, in der Entscheidungen unter höchstem Puls in Millisekunden getroffen werden müssen. Parallel dazu fasziniert mich die mentale Komponente des Reitsports: Ein Sport, in dem die eigene emotionale Verfassung im Bruchteil einer Sekunde auf ein fühlendes Lebewesen übertragen wird.
Als „Außenstehender“ aus dem Ballsport habe ich im Reitsport schnell gemerkt: Die physischen Anforderungen mögen völlig anders sein, aber die mentalen Blockaden folgen exakt denselben Gedanken, Prinzipien und Mustern. Wenn vor der Parcours-Runde der Kopf anspringt oder vor dem Steilsprung das Herz in die Hose rutscht, läuft im Gehirn genau dasselbe Programm ab wie beim Matchball in einer kochenden Halle.
Mit den vier häufigsten mentalen Pain Points, die mir bei Reiterinnen und Reitern begegnen, und den Methoden aus dem Profisport, um sie zu überwinden, beschäftigt sich dieser Artikel.
Pain Point 1: Die „Erwartungs-Falle“. Wenn Turnier-Noten und Ergebnisse den Selbstwert diktieren
Das Problem: Du reitest auf den Abreiteplatz, hast eine anstrengende Woche hinter dir oder spürst den Erwartungsdruck von Eltern, Trainern oder Besitzern. Die erste Aufgabe gelingt nicht optimal, die Ergebnisse der letzten Turniere gehen dir durch den Kopf. Sofort setzt der innere Monolog ein: „Heute wird das wieder nichts. Ich kriege die Durchlässigkeit einfach nicht hin.“ Diese Gedanken übertragen sich als feine Anspannung direkt auf deine Hilfengebung und damit auch auf das Pferd.
Die mentale Lösung: Fokuslenkung & Re-Grounding Bewertungen und Noten sind rein beschreibendes Feedback! Sie sind keine Bewertung deiner Person oder deines Potenzials als Reiter. Im Mentaltraining nennen wir das Cognitive Reframing (kognitive Umstrukturierung).
Praxis-Tipp: Richte deine Aufmerksamkeit vor und während des Reitens bewusst nach innen, statt an die Noten oder die Konkurrenz zu denken. Wie fühlt sich dein Sitz an? Ist der Atem tief? Wie ist der Rhythmus des Pferdes? Nutze die Technik der Fokuslenkung, um dich von der Ergebnisfokussierung zu lösen und die Kontrolle über deine Wahrnehmung zurückzugewinnen.
Pain Point 2: Die „Fehler-Spirale“ im Parcours oder Viereck. Das mentale Kollabieren nach Patzern
Das Problem: Ein Abwurf am zweiten Hindernis oder ein Patzer in der Traversale. Dein Gehirn schickt dir sofort laute Zweifel: „Jetzt ist die Runde gelaufen. Das wird wieder ein Desaster.“ Die mentale Erschöpfung und Enttäuschung führen dazu, dass du die Hilfengebung für die verbleibenden Aufgaben völlig aufgibst.
Die mentale Lösung: Chunking & Positives Selbstgespräch
Tennis-Legende Roger Federer gewann in seiner Karriere 80 Prozent seiner Matches, aber nur 54 Prozent aller einzelnen Punkte. Das bedeutet: Selbst die Besten verlieren fast jeden zweiten Punkt. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt darin, das Große und Ganze in winzige, bewältigbare Segmente zu zerlegen (Chunking) und Fehler sofort abzuhaken. Mit einem Marathon.Läufer erarbeitete ich die lösungsorientierte, gut funktionierende mentale Bewältigungsstrategie: Er läuft nicht 42 Kilometer am Stück, er läuft 42x 1 Kilometer. So entstehen im Laufe des Rennens viele kleine Erfolgserlebnisse.
Praxis-Tipp: Denke nicht an die verstrichene Chance oder die Platzierung. Zerstückele deinen Ritt: „Ich reite jetzt nur diese eine Wendung.“ Oder: „Nur den nächsten Sprung.“ Ersetze destruktive Gedanken gezielt durch prägnante, positive Affirmationen. Sätze wie „Locker im Becken“, „Rhythmisch atmen“ oder einfach „Anreiten“ verhindern, dass das Gehirn in eine Überforderungsspirale gerät.
Pain Point 3: Angst vor Stürzen & Verkrampfung („Eisenarm“ am Zügel)
Das Problem: Ein schwieriger Sprung, eine heikle Distanz oder die Erinnerung an einen vergangenen Sturz. Die Angst reist mit. Die Muskeln spannen sich an, die Arme werden fest und der Zügel wird starr. Genau das, was wir im Tischtennis als den gefürchteten „Eisenarm“ kennen. Die Folge: Die Anspannung des Reiters kann die Hilfengebung beeinträchtigen. Das Pferd kann dadurch in seiner Bewegung eingeschränkt oder unsicher werden und im ungünstigen Fall vor dem Hindernis verweigern.
Die mentale Lösung: Quiet Eye Training & Visualisierung
In der Sportwissenschaft ist bekannt, dass erfolgreiche Athleten in kritischen Momenten ihren Blick länger und ruhiger auf ein Ziel richten: das sogenannte Quiet Eye. Unter Angst kann der Blick zu eng werden und sich ungewollt auf das Hindernis oder den Boden unmittelbar davor verengen.
Praxis-Tipp: Nutze vor dem Ritt die Methode des Mental Rehearsal (mentale Visualisierung). Gehe den Parcours oder die Aufgabe im Kopf durch – spüre das geschmeidige Einsitzen, die weiche Hand und das fehlerfreie Überwinden der Sprünge. Im Sattel wende das Quiet-Eye-Prinzip an: Richte deinen Blick vorausschauend auf die nächste Linie, die nächste Wendung oder den nächsten relevanten Orientierungspunkt, nicht auf die Stange selbst.
Pain Point 4: Stress & Herzrasen kurz vor dem Einreiten
Das Problem: Die Glocke ertönt, du reitest in die Halle oder auf den Turnierplatz. Der Puls schießt in die Höhe. Der Körper schaltet blitzartig in den „Fight-or-Flight“-Modus: Die Atmung wird flach, der Körper zieht sich zusammen. Das Pferd kann die körperliche Anspannung und veränderte Hilfengebung des Reiters wahrnehmen und dadurch selbst unruhiger, gespannter oder aufmerksamer werden.
Die mentale Lösung: Der Physiologische Seufzer (Physiological Sigh) Um das Nervensystem innerhalb von Sekunden herunterzuregulieren, nutzen Profi-Athleten neurobiologische Schalter. Der effektivste ist der sogenannte physiologische Seufzer.
Praxis-Tipp: Führe kurz vor dem Einreiten im Sattel folgende Atemsequenz durch: Zwei schnelle, tiefe Einatmungen durch die Nase (die zweite dient als kurzes „Auffüllen“ der Lunge), gefolgt von einer langen, langsamen Ausatmung durch den Mund. Die verlängerte Ausatmung kann dazu beitragen, die körperliche Aktivierung zu reduzieren und wieder mehr Ruhe und Klarheit zu gewinnen. Davon kann auch die eigene Einwirkung auf das Pferd profitieren.
Fazit: Im Sattel entscheidet der Kopf und Mentaltraining ist ein Marathon
Viele Sportler glauben immer noch, Mentaltraining sei nur etwas für Profis oder Menschen mit „Problemen“. Das Gegenteil ist der Fall: Mentale Stärke ist eine Fähigkeit, die jeder erlernen und trainieren kann! Egal ob du um Schleifen im S-Springen reitest oder einfach entspannter und vertrauensvoller mit deinem Pferd arbeiten willst.
Veränderungen in der mentalen Einstellung passieren allerdings nicht über Nacht. Es ist ein Prozess, der Geduld und Wohlwollen gegenüber sich selbst erfordert. Genau wie du die Rumpf- und Feinmotorik nicht mit einem einzigen Training umstellst, braucht auch das Gehirn Regelmäßigkeit. Mentaltraining ist ein Marathon, kein Sprint. Wer aber anfängt, den eigenen Kopf genauso systematisch zu trainieren wie das Pferd, wird nicht nur erfolgreicher reiten, sondern mit viel mehr Freude und Harmonie im Sattel sitzen.
Zum Autor: Dirk Lion ist Inhaber von Dirk Lion Consulting, Buchautor („11 Erfolgsprinzipien von Weltklasse-Athleten“), Fach- und Führungskräftetrainer, Manager und Mentalcoach. Er betreut Profi-Athleten unterschiedlicher Sportarten, Nachwuchstalente sowie Führungskräfte. Mehr Informationen unter: www.dirklion.de
